Stolpersteine in Hameln

Namen und Schicksale

 

Die Eheleute Albert und Luise Blank und ihre Töchter Eva, Hilde und Ursula –
Kaiserstraße 21

 

Albert Blank

 

Albert Blank wurde 1885 im Dorf Wallensen im Landkreis Hameln-Pyrmont geboren. Nachdem die Familie 1888 nach Hannover umgezogen war, absolvierte Albert dort das Realgymnasium bis zum „Einjährigen“. 1901 machte er eine dreijährige Lehre als Weber bei den Vereinigten Wollwarenfabriken Marienthal in Hameln, besuchte anschließend für ein Jahr die Webschule in Aachen 1905/06 und ging im Alter von 21 Jahren für vier Jahre zur Weiterbildung in die USA.

Im Anschluss an seine Rückkehr nach Hameln gründete er zusammen mit dem Hamelner Textilkaufmann Otto Kuhlmann im August 1910 im Gebäudekomplex der ehemaligen „Hamelner Hefe“ am Hastenbecker Weg die Teppichfabrik Otto Kuhlmann. Nach Kuhlmanns Tod im April 1911 trat Ernst Josephs neben Albert Blank in die Firmenleitung ein. Albert Blank und Ernst Josephs waren verwandtschaftlich und freundschaftlich verbunden.

Mit Beginn des ersten Weltkriegs diente Albert Blank im hannoverschen Regiment 74 und wurde 1916 an der russischen Front verwundet.

Nach dem Krieg begann die Firma, die zwischen 1914 und 1918 geruht hatte, langsam wieder zu arbeiten. In den Jahren 1926 bis 1929 expandierte das Unternehmen stark. Die Anzahl der Arbeiter und Angestellten verdoppelte sich, der Umsatz stieg in diesen drei Jahren von 1,7 Millionen RM auf über 3 Millionen RM. Das Unternehmen verfügte über bedeutende Rückstellungen.

1925 zogen Albert und Luise Blank mit ihren drei Töchtern Eva, Hilde und Ursula in die Kaiserstraße 21. Das großbürgerliche Haus mit seinem wunderbar gestalteten Treppenhaus hatte Albert Blank bauen lassen. Es zeigt den Wohlstand, den die Familie mit der Zeit erworben hatte, der es auch erlaubte, Hausangestellte und einen Chauffeur zu beschäftigen.

Das Jahr 1933 brachte wegen der massiven Boykotte der Nationalsozialisten gegen jüdische Firmen und Geschäfte hohe Verluste für die Teppichwerke. Das Gesamtvermögen des Unternehmens betrug zu diesem Zeitpunkt knapp 1,7 Millionen RM. Unter dem Druck der Nazis mussten Albert Blank und Ernst Josephs die Firma verkaufen.

Die Teppichwerke Otto Kuhlmann & Co wechselten am 21. April 1934 für nur 650.000 RM den Besitzer und wurden „arisiert“. Neue Eigentümer wurden Hans Preis und seine Söhne. Hans Preis war seit 1918 Direktor der Vorwerk-Werke in Wuppertal gewesen. 1x1_transBis Ende September 1934 leistete die Familie Preis lediglich die Anzahlung von 55.000 RM. Später gingen nochmals 58.260,50 RM ein.

Angesichts der immer schwieriger werdenden Verhältnisse in der Kleinstadt Hameln zogen die Eheleute Blank mit den Töchtern Hilde und Ursula im Oktober 1935 nach Berlin. Die drei Töchter hatten auf der Schule sehr unter antisemitischen Anfeindungen zu leiden. Die Älteste, Eva, hatten die Eltern deswegen im April 1935 zum Schulbesuch nach Lausanne in die Schweiz geschickt.

Der Aufenthalt in Berlin dauerte nur sechs Monate. Als Albert Blank für einen Geschäftsbesuch die Genehmigung bekam, mit seiner Familie am 1. April 1936 in die Niederlande zu reisen, nahm er die Gelegenheit wahr, aus Deutschland zu fliehen. In Amsterdam konnte Albert bei seinem Bruder Selly leben. Noch im Laufe des Jahres 1936 ging die Familie mit der Fähre von Hook von Holland nach Harwich und weiter nach London. Eva kam im August 1936 aus Lausanne nach.

Nach der Flucht leitete die Staatsanwaltschaft gegen Albert Blank und Ernst Josephs ein Strafverfahren wegen „Auflösung des Wertpapierdepots, Aufteilung und Veräußerung im Ausland“ eingeleitet. Das Gericht verhängte eine Geldstrafe von 700.000 RM. In der Folge wurde die restliche Kaufschuld der Familie Preis an Blank und Josephs in Höhe von 650.000 RM zugunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt.

In den Kriegsjahren produzierten die Teppichwerke Otto Kuhlmann & Co OHG Rüstungsgüter und unterhielten ein eigenes Lager mit Zwangsarbeitern.

Nachdem sie ein Jahr lang in einer engen Mietwohnung gelebt hatten, gelang es Albert in London ein Haus zu kaufen. Albert war damals 53 Jahre alt, Luise 45. Die Eheleute liebten ihre neue Heimat England und bewunderten Churchills unbeugsamen Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus. Mit dem Leben in Deutschland hatten sie innerlich abgeschlossen.

1949 stellten Albert Blank und Ernst Josephs Anträge auf Rückerstattung. Die Auseinandersetzung um die Entschädigung und die Korrespondenz mit seinen Anwälten kostete Albert Blank viel Zeit. Am Ende wurden Albert Blank und Ernst Josephs mit der Summe von 1.750.000 DM abgefunden. Notgedrungen akzeptierte Albert diese Summe.

Albert starb im Jahre 1963.

 

Der Text des Stolpersteins für Albert Blank lautet:

HIER WOHNTE
ALBERT BLANK
JG. 1885
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1935 BERLIN
FLUCHT 1936
HOLLAND
ENGLAND

 

 
Bild
 

Luise Blank

 

Luise Blank, geborene Löwenberg, wurde 1893 in Magdeburg geboren. Luise, die als junges Mädchen mit ihrer Mutter Reisen durch Italien gemacht hatte, war kulturell und künstlerisch sehr interessiert und las viel.

Albert und Luise heirateten 1919. Der Altersunterschied der beiden betrug acht Jahre. Drei Töchter brachte Luise in den Jahren 1920, 1924 und 1927 zur Welt.

In den Niederlanden musste sich Luise wegen einer rheumatischen Arthritis von ihrer Familie trennen und in einem Krankenhaus aufhalten.

In ihrer Londoner Zeit pflegte sie einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern und Enkeln. Luise starb im Jahre 1973.

 

Der Text des Stolpersteins für Luise Blank lautet:

HIER WOHNTE
LUISE BLANK
GEB. LÖWENBERG
JG. 1893
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1935 BERLIN
FLUCHT 1936
HOLLAND
ENGLAND

 

 
Bild
 

Eva Blank

 

Eva Blank, verheiratete Harris, wurde 1920 in Hameln als älteste der drei Töchtern geboren. Vier Jahre besuchte sie zunächst die Hermannschule, seit 1930 das Lyzeum (heute Viktoria-Luise-Gymnasium). Seit 1933 hatte sie unter rassistischen Anfeindungen ihrer Mitschüler zu leiden. Die Eltern schickten Eva deswegen 1935 im Alter von 15 Jahren auf eine Schule in Lausanne in der Schweiz. Nach Abschluss des Schuljahres im August 1936 folgte sie ihren Eltern und Geschwistern nach London. Dort ging sie anschließend noch ein Jahr zur Schule.

Im Alter von 21 Jahren verließ Eva 1941 als erste der Töchter das elterliche Haus und heiratete den in England geborenen Myer Harris. Eva brachte zwei Kinder zur Welt, Barbara 1945 und Geoff 1947. Wie ihre Mutter war sie kulturell sehr interessiert, reiste viel, vorzugsweise nach Frankreich, Italien oder in die Schweiz.

Eva verband ein enges emotionales Band mit ihrem Vater. Wie ihr Sohn Geoff berichtet, spielte in ihren Erzählungen am Familientisch die so bitter endende Zeit ihres Lebens in Deutschland absolut keine Rolle. Sie hatte damit abgeschlossen. Hameln besuchte sie nur einmal kurz auf der Durchreise nach Dänemark. Die Einladungen des Hamelner Oberbürgermeisters an die ehemaligen Hamelner Jüdinnen und Juden ignorierte sie.

Die zweite Hälfte des Lebens von Eva Harris war stark von Krankheiten geprägt, die sie ans Haus banden. Sie starb im Jahre 2002 in London.

 

Der Text des Stolpersteins für Eva Blank, verheiratete Harris, lautet:

HIER WOHNTE
EVA BLANK
VERH. HARRIS
JG. 1920
FLUCHT 1936
HOLLAND
ENGLAND

 

 
Bild
 

Hilde Blank

 

Hilde Blank, verheiratete Donisi, wurde 1924 als zweite der drei Töchter von Luise und Albert Blank in Hameln geboren. Vier Jahre besuchte sie zunächst die Hermannschule, seit 1934 das Lyzeum (heute Viktoria-Luise-Gymnasium). Dort hatte sie unter rassistischen Anfeindungen ihrer Mitschüler zu leiden.

Bei der Flucht aus Deutschland in die Niederlande war sie elf Jahre alt. Mit ihrer jüngeren Schwester Ursula war sie getrennt von den Eltern bei einer niederländischen Familie untergebracht.

Während des Krieges wurden Hilde und Ursula aus London nach Tintagel in Cornwall evakuiert, um vor den deutschen Bombenangriffen auf London geschützt zu sein. Sobald sie 16 Jahre alt geworden war, galt sie den britischen Behörden als potentieller deutscher Spion („enemy alien“) und musste die Küstenzone verlassen und nach London zurückkehren.

Nach Kriegsende ging sie für ein Jahr als Übersetzerin für die US-Army nach München, wo sie Dokumente zur Vorbereitung des Nürnberger Prozesses ins Englische übersetzte.

1947 wanderte Hilde in die USA aus und heiratete dort Tulio (Don) Donisi. Die Eheleute lebten in Oyster Bay und hatten drei Kinder, Roland, Laraine und Yvonne. Hilde starb im Jahre 2012.

 

Der Text des Stolpersteins für Hilde Blank, verheiratete Donisi, lautet:

 

HIER WOHNTE
HILDE BLANK
VERH. DONISI
JG. 1924
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1935 BERLIN
FLUCHT 1936
HOLLAND
ENGLAND

 

 
Bild
 

Ursula Blank

 

Ursula Blank, verheiratete Alexander, wurde als jüngste der drei Blank-Töchter 1927 in Hameln geboren. Für zwei Jahre besuchte sie noch die Hermannschule, machte dort die Erfahrung, als jüdisches Mädchen gemobbt zu werden, bevor sie im Alter von nur acht Jahren Hameln verlassen musste.

Von dieser verstörenden Erfahrung hat sie sich nie wirklich erholt. Als Kind verstand sie nicht, warum ihre Eltern ihren Namen Ursel in Ursula änderten und damit anglisierten. Das Leben brachte ihr zahlreiche weitere Enttäuschungen.

Ursula hing sehr an ihrer älteren Schwester Hilde und musste mehrmals erleben, von ihr getrennt zu werden, zum ersten Mal, als Hilde im Alter von 16 Jahren nicht mehr am Evakuierungsprogramm teilnehmen durfte und Ursula allein in Tintagel (Cornwall) zurückließ, zum zweiten Mal, als Hilde 1946 für ein Jahr nach Deutschland ging und schließlich, als Hilde in die USA auswanderte.

Ursula heiratete Henry Alexander, der aus Wien mit einem Kindertransport nach London hatte flüchten können. Ihr einziges Kind, Marcelle, starb im Alter von 40 Jahren an Krebs. Ursula starb 2015 im Alter von 87 Jahren.

 

Der Text des Stolpersteins für Ursula Blank, verheiratete Alexander, lautet:

HIER WOHNTE
URSULA BLANK
VERH. ALEXANDER
JG. 1927
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1935 BERLIN
FLUCHT 1936
HOLLAND
ENGLAND

 

Die Fotos (undatiert) stammen aus der privaten Sammlung von Geoff Harris und der Sammlung Gelderblom.

Texte: Bernhard Gelderblom

 
Bild